Unterrichten in Kenia


Der erste Eindruck

Vor Antritt der Reise war ich traurig und freudig zugleich gestimmt – traurig, weil ich mich noch nie so lange und so weit weg von Deutschland aufgehalten habe und mir sicher war, meine Familie und Freunde sehr zu vermissen; und freudig, weil ich gespannt auf diese bestimmt niemals zu vergessende Erfahrung war und nicht erwarten konnte, die Reise anzutreten. Nachdem der turbulente Flug nach Nairobi endlich überwunden war, kamen wir spätabends am Flughafen an. Mit dem Auto wurden wir abgeholt und zu unserer Gastfamilie gebracht. Nairobi „by night“ machte einen schönen Eindruck; Straßenverhältnisse und Gebäude erinnerten uns an Europa. Je größer jedoch die Entfernung zum Stadtkern wurde (unsere Gastfamilie wohnte etwa 45 Minuten Autofahrt von Nairobi entfernt), desto eher ähnelten die Verhältnisse dem, was man sich von Afrika vorstellt: Keine befestigten Straßen, stattdessen tiefe Schlaglöcher und chaotischer Verkehr, Wellblechhütten, überall Müll. Einerseits erschrocken darüber, dass die Wohnverhältnisse noch ärmlicher waren als von mir vorgestellt, war ich andererseits fasziniert von dem geschäftigen Treiben auf den Straßen; trotz später Stunde unterhielten sich viele Kenianer am Straßenrand, versuchten Gebrauchsgegenstände und Lebensmittel an ihren Ständen zu verkaufen oder transportierten schweres Gut auf ihren Köpfen. Zunächst fühlte ich mich, als würde ich eine völlig andere Welt betreten und die ersten Stunden kamen mir sehr surreal vor – als würde ich mich in einem Traum bewegen.

Familienleben

Die für mich und meine Freundin ausgewählte Gastfamilie nahm uns äußerst herzlich auf. Als wir ankamen, war bereits das Abendessen zubereitet und wir wurden mit Fragen nach der Reise und deutschen Lebensbedingungen geradezu überschwemmt. Genau das ist es jedoch, was mir an unseren Gasteltern so gut gefiel – Offenheit, ein ständiges Lachen auf dem Gesicht und Interesse an uns und deutschen Angewohnheiten. Aufgrund der Warnungen in zahlreichen Reiseführern und von besorgten Bekannten, hatte ich einige Bedenken bezüglich der Sicherheit in der ärmlichen Umgebung Nairobis. Unseren Gasteltern gelang es, mir ein Grundgefühl von Sicherheit zu geben, indem sie uns wirklich jedes Mal beim Verlassen der Wohnung begleiteten und wir auf diese Weise niemals alleine unterwegs waren. Die Wohnung, in der wir während des Monats lebten, war sehr hübsch eingerichtet und wir fühlten uns auf Anhieb wohl. Aufgrund der herzlichen Familie und des schönen „Zuhauses“ wurde uns das Einleben in die kenianische Kultur enorm erleichtert. Auf diese Weise gewöhnten wir uns an…

…das andere Essen (Ugali, Shabati, Mandazi & Co.)

…andere Esszeitpunkte (morgens und mittags wird fast nichts gegessen, dafür wird abends sehr spät sehr viel reichhaltige Nahrung zu sich genommen)

…anderes Trinken (es wird ausschließlich kenianischer Tee getrunken)

…andere hygienische Verhältnisse (Toiletten sind zumeist Löcher im Boden, „duschen“ bedeutet, sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu schütten)

…andere Formen von Glauben (in Kenia gehören die meisten Gläubigen Sekten an und vertreten diesbezüglich sehr stark ausgeprägte Angewohnheiten)

…anderes Klima (ständige Temperaturwechsel von bis zu 10°C)

…und durften auf diese Weise eine andere, sehr faszinierende Kultur kennen lernen. Durch unsere Gasteltern bekamen wir zudem die Möglichkeit, abgesehen von Nairobi und Umgebung, außerdem andere Teile Kenias zu entdecken; für vier Tage fuhren wir von Nairobi in Richtung Kisumu, um die Eltern unseres Gastvaters zu besuchen, die sehr ländlich an der Grenze zu Uganda wohnen. Die Fahrt war – wie jede Fahrt in Kenia – nervenaufreibend und spannend: einerseits aufgrund des chaotischen Verkehrs, andererseits durch die ständigen, äußerst viel Geduld fordernden Autopannen, die durch die Kenianer zum Glück jedes Mal erfolgreich (allerdings eher provisorisch) gelöst wurden. Das Leben auf dem Land unterscheidet sich enorm vom städtischen Leben – es gibt weder Wasser, noch Strom und die Menschen leben in kleinen Hütten, die häufig aus Lehm erbaut wurden. Die Landschaft ist sehr idyllisch, das Leben für die Einwohner jedoch hart, da sie selbst Vieh halten und Lebensmittel anbauen, um sich ernähren zu können. In jedem Fall waren wir sehr dankbar, das ländliche Leben kennen zu lernen und auf diese Weise unseren Horizont erweitern zu können.

Die Arbeit in der Schule

Als ich die Schule, in der wir die nächsten Wochen unterrichten sollten, das erste Mal erblickte, war ich schockiert über die Verhältnisse, in denen die Schüler lernten und arbeiteten. In der Primary School für Straßenkinder und besonders arme Bewohner Dandoras wurden insgesamt 10 Klassen (Baby Class, Pre-school, Klassen 1-8) unterrichtet, wobei das Schulgebäude nur notdürftig aus Wellblech und Stöckern zusammengehalten wurde, sodass die Schüler bei Regen nass wurden. Für viele Klassen gab es keine oder nicht brauchbare Tafeln und die 130 Schüler saßen auf viel zu wenigen Bänken zusammengedrängt, sodass Konzentration und ungestörtes Arbeiten unmöglich waren. Das, was mich jedoch am meisten erschreckte war die schlechte Betreuung der Kinder – nur vier Lehrer und ein Direktor kümmerten sich um die 10 Klassen, sodass viele Kinder mit ihren Aufgaben allein gelassen wurden. Sofort bekamen wir das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden und die Kinder mit unserem Wissen unterstützen zu können. Meist drückten uns die Lehrer ein Mathe- oder Englischbuch in die Hand und schickten uns in eine der Klassen, in denen es zu dem Zeitpunkt keinen Lehrer gab. Da man bezüglich der Unterrichtsgestaltung relativ frei war, machte das Unterrichten unheimlich viel Spaß; wir überlegten uns zur Thematik passende Rätsel für die Kinder, spielten kleine Spielchen wie beispielsweise Eckenraten und brachten ihnen deutsche Lieder bei. Die Kinder waren begeistert, fragten in den Pausen immer ganz aufgeregt, ob man als nächstes ihre Klasse unterrichten könnte und freuten sich jeden Tag aufs Neue uns zu sehen, unsere Hand zu halten oder über unsere Haare zu streichen. Diese Freude der Kinder hat mich sehr gerührt und auch jetzt – zwei Wochen nach meiner Rückkehr – vermisse ich die Kinder, ihre ausgelassene Fröhlichkeit, das Singen und Tanzen sehr. Dementsprechend schwierig war der Abschied von den Schülern für mich; am letzten Tag haben einige Klassen eine kleine Aufführung für uns vorbereitet und jeder Lehrer hielt eine kurze Rede. Da viele der Kinder sich nicht einmal Hefte leisten können, haben wir zum Abschied für jeden der 130 Schüler ein Heft und Süßigkeiten gekauft. Einige Kinder sangen zum Abschied noch „Viel Glück und viel Segen“ im Kanon, was wir ihnen in den letzten Wochen beigebracht hatten – es war sehr traurig und rührend für alle.

Fazit

Rückblickend ist zu sagen, dass der Aufenthalt für mich sowohl Höhen als auch Tiefen hatte. Es gab durchaus Momente, in denen ich mich der großen Kulturumstellung, dem vielen Leid oder dem fehlenden Sicherheitsgefühl (besonders in der Woche der Anschläge und Geiselnahme somalischer Terroristen in Nairobi) nicht gewachsen fühlte. Allerdings überwiegen für mich eindeutig die Höhen des Aufenthalts – ich bin unheimlich glücklich und dankbar, diese Erfahrungen gemacht haben zu dürfen. Ich hatte das Gefühl, durch meine Arbeit mit den Kindern wirklich etwas bewirken zu können und die Dankbarkeit sowie jeden Tag aufs Neue deutlich gewordene Freude der Kinder lässt einen alle negativen Erfahrungen und alle kleinen Nöte und Sorgen des Lebens vergessen!